Kino Review: «Female Pleasure»

Der Schweizer Dokumentarfilm Female Pleasure erzählt von weiblicher Lust und Frausein in einer Welt, in der es scheinbar keine richtige Art und Weise gibt, Frau zu sein.

Fatima Di Pane | 15. November 2018

Story

In Female Pleasure verfolgen wir die Schicksale von fünf Frauen, je eine aus jeder Weltreligion. Ihre Geschichten sind sehr verschieden, haben jedoch einen gemeinsamen Nenner. Das Leben jeder dieser Frauen wurde stark von der Frauenfeindlichkeit ihrer Religion und ihrer Gesellschaft beeinflusst.

Doris Wagner wurde im christlichen Glauben erzogen. Mit 19 folgt sie ihrer Berufung und geht ins Kloster. Dort erlebt sie sexuellen Missbrauch. Als sie sich Hilfe holen möchte, wird ihr die Schuld am Vorfall gegeben. Schliesslich verlässt sie das Kloster. Heute kämpft sie gegen sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche.

Leyla Hussein wurde in Somalia geboren. Mit 7 Jahren wurde sie Opfer von Genitalverstümmelung, ein Schicksal, das jährlich Hunderttausende muslimische Mädchen trifft. Mittlerweile ist Leyla Hussein Psychotherapeutin und Aktivistin. Sie setzt sich weltweit gegen weibliche Genitalverstümmelung ein.

Vithika Yadav gründete die erste Aufklärungs-Website in der Sprache Hindi. Sie möchte damit Menschen einen gesunden Umgang mit Liebe und Sex ermöglichen.
In Indien, wo Sex immer noch ein Tabu ist und Liebesheiraten verpönt, wird sie dafür stark angefeindet. Sie bekommt häufig Mord- und Vergewaltigungsdrohungen.





Deborah Feldman wird in ihrer ultraorthodoxen jüdischen Gemeinschaft mit 17 Jahren mit einem praktisch fremden Mann verheiratet. Erst kurz davor erfuhr sie von Sex und ihren sogenannten „ehelichen Pflichten“. Fünf Jahre später traute sie sich gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn aus der jüdischen Gemeinschaft auszubrechen.

Die japanische Künstlerin Rokudenashiko wuchs in einem traditionellbuddhistisch-schintoistischem Elternhaus auf. Die Themen Sex und Lust waren stets tabu. Als Erwachsene nähert sie sich mithilfe ihrer Kreativität ihrem Körper wieder an. Sie beginnt aus Abdrücken ihrer Vagina Kunstwerke anzufertigen. Schliesslich wird sie dafür angeklagt. In Japan ist Obszönität noch heute strafbar.

BEWERTUNG

In den letzten Jahren ist die Diskussion über Feminismus und Sexismus immer lauter geworden und hat mit #metoo eine Mauer des Schweigens durchbrochen. Es wurden Geschichten und Schicksale geteilt, die zuvor verschwiegen wurden. Dies hat vielen Frauen Mut gemacht.


So viel Positives diese Entwicklung mit sich gebracht hat, so frustrierend kann es aber auch immer noch sein, als Frau durch das Leben zu gehen. Sei es, weil man Leuten erklären muss, dass Catcalling kein Kompliment ist, Hartnäckigkeit schnell zu Stalking wird und ein Ausschnitt bis zum Bauchnabel keine Einladung ist.
Als ich mich ins Kino gesetzt habe, hatte ich erst Bedenken. Ich wollte keinen Film sehen, der mir erzählt, wie scheisse es manchmal ist, eine Frau zu sein. Das weiss ich auch selber. Glücklicherweise haben sich meine Befürchtungen nicht bewahrheitet.
Female Pleasure ist Balsam für die Seele. Die erzählten Geschichten sind hart und oft traurig, der Film selbst ist aber alles andere als niederschmetternd. Er stellt uns Frauen vor, die, trotz allem, was sie erlebt haben, eine riesige Stärke zeigen. Sich einsetzen. Freude am Leben haben, nicht trotz, sondern weil sie Frauen sind.
Wenn die ehemalige Nonne Doris Wagner mit strahlenden Augen von ihrer neugefundenen Unabhängigkeit und ihrem Glück erzählt, macht das Mut und gibt Hoffnung. Wir sehen wie Deborah Feldman ein Buch über ihre Flucht aus der jüdischen Gemeinschaft schreibt, und damit zu einem Vorbild für andere Frauen, die sich in derselben Situation befinden, wird. Den Frauen in diesem Film ist schlimmes zugestossen, aber wir können ihnen dabei zuschauen, wie sie darüber hinauswachsen, zu Kämpferinnen werden. Female Pleasure lädt dazu ein, dasselbe zu tun.

10.0

Ab ins Kino!

Punkte

10

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