Kino Review: «Der Unschuldige»

Zwischen Freikirche, Orgien, Laboräffchen und einem verurteilten Mörder. «Der Unschuldige» fordert den Zuschauer und bietet ein spannendes Ende. 

Farina Uno | 1. November 2018

Story

Ruth, Tierärztin in einer medizinischen Forschungseinrichtung, führt ein ambivalentes Leben zwischen Wissenschaft und christlicher Tradition als Mitglied einer Freikirche. Als sie eines Tages einen Mann sieht, den sie vor langer Zeit geliebt hatte und der für 20 Jahre wegen Mordes im Gefängnis sass, gerät ihre Welt gänzlich aus den Fugen. Ruth ist zerrissen zwischen dem Wunsch, ihr Leben aufrechtzuerhalten und der Anziehung zu ihrem früheren Geliebten, von dessen Unschuld sie heute noch überzeugt ist. Wird sich Ruth für ihre Familie und ihren Glauben entscheiden oder ihrer Sehnsucht nach Veränderung nachgeben?





 

BEWERTUNG

Simon Jaquemet’s letzter Film «Chrieg» war ein grosser Erfolg und überzeugte mit seiner einzigartig unkonventionellen Art. «Der Unschuldige» ist in dieser Hinsicht nicht anders, denn auch diesmal erleben wir was es heisst, in einer ziemlich absurden Sphäre zu existieren. Was man im Trailer gut mitkriegt ist, dass es sich um die Gemeinschaft in einer Freikirche dreht. Jedoch steht im Film noch einiges mehr im Fokus und man könnte fast behaupten, dass es vor allem um die sexuelle Sünde, in all ihrer verdorbenen Pracht, geht. Und dass bei einem solch harmlosen Filmtitel. Hie und da Geschlechtsteile, Tipiorgien im Wald und Swingercluboasen im Keller, Zügellosigkeit vom Feinsten. Und trotzdem hätte all dies keine Bedeutung, wenn der scheinbar unschuldige Andy nicht wieder in Ruths Leben erscheinen würde. Die ehemalige und wieder aufgeflammte Innigkeit zwischen den beiden scheint jedoch irgendwie einen Haken zu haben, denn obwohl man keinen Grund hat nicht an Andy’s Anständigkeit zu glauben, ist die Stimmung doch sehr erdrückend und ziemlich paranoid. Denn was Andy betrifft, ist man sich da über wichtige Fakten nicht ganz einig, zum Beispiel ob er noch am Leben oder schon tot ist. Dieses seltsame Gefühl kommt aber vielleicht auch von den verstörenden Versuchen und Operationen an den wehrlosen Äffchen.



Ruth gibt sich privat zwar dem christlichen Glauben bedingungslos hin, beruflich aber führt sie im Namen der Wissenschaft Experimente an Laboraffen durch und die sind nicht ganz risikolos. All diese unterschiedlichen Bruchstücke führen zu einer absolut verrückten Geschichte, eine Geschichte, die durch den Aspekt des fanatischen Glaubens so erstaunlich wahr wirkt und durch die ganzen Umstände trotzdem so unwahrscheinlich scheint. Judith Hofmann spielt eine sehr saubere Rolle und verkörpert einen entzückend morbiden Charakter. Sie wird öfters im Film von der Kamera verfolgt, was ein wunderbares Zusammenspiel von Schauspiel und Kamera hervorhebt. Die Inszenierungen der Freikirche überzeugen schon fast zu sehr, was aber tatsächlich gut funktioniert und die ganze Situation drastisch zuspitzt. «Der Unschuldige» ist sicher einer dieser Filme, welchen man sich mehr als einmal ansehen muss um den Durchblick zu haben. Die jedoch wundersamste und faszinierende Szene des ganzen Films sieht man zum Schluss, als Ruth Gott und den Teufel vor eine Wahl stellt. Ein hervorragendes Ende.

7.0

Punkte

7

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